Frankfurter Rundschau, Ausgabe vom 3.11.03
Bei der psychiatrischen Versorgung in der Wetterau ziehen nun alle an einem Strang In einem Modellprojekt will der Wetteraukreis die psychiatrische Versorgung verbessern. Im Mittelpunkt steht die ambulante, wohnortnahe Betreuung der Patienten.
VON PETRA ZEICHNER
Wetteraukreis, 3. November · Psychisch kranke Menschen sollen zukünftig dort betreut werden, wo sie wohnen. Wenn sie es möchten, können sie auf einer Konferenz ihre eigene Therapie mit planen. Das sieht das "Integrierte personenzentrierte regionale Hilfesystem", kurz IPRH, vor. Der Wetteraukreis präsentierte das Modellprojekt in einer Pressekonferenz. Leistungsanbieter, Kostenträger und Kreis unterzeichneten eine entsprechende Vereinbarung.
Die Aktion Psychisch Kranke (APK), 1971 gegründet von Psychiatrie-Fachleuten und Politikern, beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem personenzentrierten Ansatz. Alles dreht sich hier um den Patienten: Auf einer Hilfeplankonferenz kommen alle maßgeblichen Einrichtungen zusammen und planen, welche Hilfen ein bestimmter Patient braucht. "An der Hilfeplankonferenz nehmen teil: auf Wunsch der jeweilige Hilfesuchende", heißt es in der Vereinbarung.
Mit dabei sind auch die örtlichen und überörtlichen Sozialhilfeträger als Kostenträger der gemeindepsychiatrischen Versorgung und der Sozialpsychiatrische Dienst. "Es geht um Menschen, die einen längerfristigen komplexen Hilfebedarf haben", beschrieb Heinrich Kunze vom APK die Zielgruppe. Chronische Krankheiten wie Schizophrenie oder auch Suchtkrankheiten gehören dazu.
Zurzeit müssten die Betroffenen häufig verschiedene therapeutische Einrichtungen an verschiedenen Orten durchlaufen. "Fragmentierungen und Beziehungsabbrüche" seien die Folge, so Kunze. Das sei der psychischen Gesundheit abträglich.
Der personenzentrierte Ansatz soll das verhindern. Die Initiatoren streben an, dass derselbe Patient verschiedene Anbieter nutzt, wenn er dadurch in seiner vertrauten Umgebung wohnen bleiben kann. Ein gewolltes "cross over" nannte das Psychiatriekoordinatorin Vera Thiesen-Rat vom Gesundheitsamt. "Es geht um einen grundlegenden Perspektivwechsel", sagte Gesundheitsdezernent Bardo Bayer (SPD). Nicht mehr die einrichtungsbezogenen Hilfen seien maßgeblich, sondern die personenbezogenen. Das Hessische Sozialministerium fördert das Projekt bis Ende des Jahres 2004. Danach solle der personen-zentrierte Ansatz in der Gemeindepsychiatrie in eine Pflichtversorgung übergehen, so Bayer gegenüber der Presse.
Sowohl der Wetteraukreis als örtlicher Sozialhilfeträger als auch der Landeswohlfahrtsverband (LWV) als überörtlicher versprechen sich von der Umstrukturierung auch sinkende Kosten. Ambulante Behandlung koste weniger als stationäre, sagte Uwe Brückmann vom LWV.
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