Frankfurter Neue Presse, Ausgabe vom 23.8.2004
Berlin. Immer mehr Kinder in Deutschland schwänzen die Schule. «Es ist ein langsamer, aber stetiger Anstieg: Im Bundesdurchschnitt gehen mittlerweile rund drei Prozent der Kinder nicht regelmäßig zur Schule», sagte Professor Helmut Remschmidt (Uniklinik Marburg) vor dem 16. Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie, der gestern in Berlin begann.
«In manchen Schulklassen von Großstädten wie Berlin oder München sitzt nur noch die Hälfte der Schüler.» Gründe dafür seien Vernachlässigung der Kinder – auch bei materiellem Wohlstand – oder Schulphobien.
Vor allem die wachsende Aggressivität an den Schulen mache für viele den Schulbesuch schwer erträglich. «Hier können Programme gegen Gewalt helfen. Das Feedback der Anwender ist gut: Die Gewaltquote ging um über die Hälfte zurück», berichtet Remschmidt. Im Mittelpunkt stehe das Bekenntnis «Keine Gewalt an unserer Schule» und die schnelle Intervention. «Streithähne müssen sofort getrennt werden, Gespräche gleich erfolgen und nicht erst Tage später. Auch müssen Lehrer, Eltern und Schüler dabei an einem Strang ziehen: «Nicht weggucken, einmischen – heißt die Devise.» Leider mache erst ein kleiner Anteil von Schulen bei entsprechenden Programmen mit. «Und meist erst dann, wenn es zu schlimmen Vorfällen gekommen ist.» Europaweit haben rund 13 Prozent der Schüler zwischen sechs und 18 Jahren psychische Störungen, sagt Remschmidt. Fünf Prozent aus dieser Altersklasse benötigten therapeutische Hilfe. «Aber diese Quote wird in Deutschland nur zur Hälfte erreicht», beklagt der Marburger Klinikdirektor für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Das Spektrum reiche von Aufmerksamkeitsdefiziten (ADHS) über Depressionen bis zu Essstörungen.
Nach einer Umfrage sind drei Viertel der Menschen in Deutschland gegen eine frühere Einschulung von Erstklässlern. So sprachen sich 76 Prozent in einer gestern veröffentlichten Forsa-Umfrage dagegen aus, die Kinder bereits mit fünf Jahren zur Schule zu schicken. Lediglich 21 Prozent geben dieser Idee eine gute Note. Dabei lehnen Frauen (79 Prozent) einen früheren Schulbeginn häufiger ab als Männer (74 Prozent). Befragt wurden 1004 Menschen im Alter von 20 bis 49 Jahren.
Je jünger die Befragten sind, desto gelassener sehen sie den Vorschlag – während ihn 81 Prozent der 40-49-Jährigen falsch finden, sind es bei den 20- bis 29-Jährigen nur noch 73 Prozent.
Entscheidend ist auch der Bildungsgrad: 83 Prozent der Befragten mit Haupt- und Realschulabschluss lehnen die Pläne zur frühen Einschulung ab, bei den Abiturienten sind es nur 69 Prozent.
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