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SELBSTMORD

Selbstmord häufiger als Unfalltod

Frankfurter Neue Presse, Ausgabe vom 28.5.2004

Wirges. Die Zahl der Suizidtoten ist höher als die Zahl der Verkehrs-, Drogen und Aids-Toten und der Mordopfer zusammen. Im Westerwaldkreis werden jährlich etwa 30 Todesfälle als Selbsttötungen registriert. Die Dunkelziffer wird auf etwa 30 Prozent geschätzt. Die Zahl der Suizidversuche dürfte bis zu zwanzig Mal höher liegen. Etwa 90 Prozent der «Selbstmörder» sind psychisch krank.

Die Fortbildungsreihe «Gemeindepsychiatrie» des Bildungswerks der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Westerwald nahm sich jetzt dieses Tabuthemas bei einer Vortragsveranstaltung an. Immer wieder kommen psychisch kranke Menschen in krisenhafte Situationen in denen sie dazu neigen, sich absichtlich selbst zu schädigen – mit und ohne tödlichen Ausgang.

In der AWO-Veranstaltung «Das suizidale Syndrom – Der psychisch Kranke und seine Selbstschädigung» informierte Dr. med. Ingo Baltes, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, jetzt in Wirges Betroffene, Angehörige und Menschen, die beruflich mit psychisch kranken Menschen arbeiten, über Hintergründe und Hilfen besonders zur Suizidprophylaxe.

Laut Dr. Baltes komme es besonders im Alter zu «Bilanzselbstmorden». Menschen ohne familiäre Strukturen, manchmal auch abgeschoben in ein Altenpflegeheim, entschlössen sich überdurchschnittlich häufig, ihr Leben zu beenden, wenn sie keinen Sinn mehr im Weiterleben sehen könnten. Mit dem zunehmenden Durchschnittsalter unserer Gesellschaft würden die Suizidraten weiter steigen. Unfälle von Kindern und Jugendlichen stellten sich bei intensiver Anamnese nicht selten als verkappte Suizide oder Suizidversuche heraus. In diesem Zusammenhang kritisierte Dr. Baltes fehlende Jugendpsychiaterstellen auch in der hiesigen Region.

Lediglich zehn Prozent der Betroffenen kämen nach einem Suizidversuch in stationäre psychiatrische Behandlung. Dies sei problematisch, angesichts der Tatsache, dass die Akteure weit überwiegend psychisch krank – meist depressiv - seien und nach einem «missglückten» Suizidversuch nicht selten einen neuen Versuch unternähmen.

Auffallend seien die geschlechtsspezifischen Suizidformen: während Männer überwiegend die Todesart Erhängen oder Erschießen wählten, entschlössen sich Frauen mehrheitlich für die Selbsttötung durch Tabletten. Statistisch gesehen seien Männer sechs Mal häufiger betroffen. Nicht auszuschließen seien aber Probleme bei der posthumen Diagnostik auf Grund der bei Frauen weniger spektakulären Todesarten.

Einen breiten Raum nahm anschließend die Diskussion mit den zahlreichen Besuchern ein. Hier standen ethisch-moralische und rechtliche Fragestellungen, wie: «Darf jemand seinem Leben selbst ein Ende setzen?» «Dürfen andere dabei sogar behilflich sein oder müssen sie alles unternehmen, um dies zu verhindern?» «Wann muss eingeschritten werden?» im Vordergrund.

Dr. Baltes betonte, dass die freie Entscheidung zum Freitod eines Menschen in der Regel respektiert werden müsse. Bei bestimmten Formen von psychischer Erkrankung könne jedoch kaum von einer freien Entscheidung gesprochen werden. Hier bedürfe es fachärztlicher Intervention. (nnp)


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